Aus den Kammergruppen: Ausstellung „Planungsstab(e) Wiederaufbau“

Nachlese zum Stadtspaziergang – Stadtterrasse | Rautenstraße | Rathaus

Veröffentlicht am: 08.08.2017
von: Björn Radermacher

Rubrik(en): News | Berufspolitik/ Kammerarbeit

Begleitend zur Werkschau und Ausstellung „Planungsstab(e) Wiederaufbau – Architekten und Ingenieure um Friedrich W. A. Stabe und der Wiederaufbau von Nordhausen“ fand am 4. August spätnachmittags ein Spaziergang von der Stadtterrasse bis zum Rathaus mit einigen Zeitzeugen statt ... Unerwartet viele interessierte Gäste konnten sich an Stabe und das Entwurfsbüro für Hochbau Nordhausen erinnern und auch ihre Leistungen für die Stadt beim Wiederaufbau einordnen.

Die Veranstaltung begann um 16:30 Uhr mit der Besichtigung der Stadtterrasse. Der charakteristische Bau soll 1962 als das einzige mehrstöckige öffentliche gastronomische Gebäude in der DDR eröffnet worden sein (http://nordhausen-wiki.de). Er wurde im Wesentlichen unter Leitung des Architekten W. Schmidt entworfen. Für die Innengestaltung zeichnete Architekt Heinz-G. Schmidt und für die Elektroinstallationen R. Klose mit verantwortlich. Als Zeitzeugen berichteten beide beim Rundgang von vielen interessanten Details während der Entwurfs- und Bauzeit, während Thomas Erny als Inhaber des „Carpe Diem“ und Thoralf Breuer als Architekt zu den baulichen Veränderungen bei der Sanierung und den Mühen zum Erhalt wichtiger Details in den Jahren 2000/2001 ergänzten.

Den Rundgang beginnend, erläuterte Heidelore Kneffel (u.a. Autorin kulturhistorischer Veröffentlichungen) im Foyer des repräsentativen Treppenhauses das raumbreite und -hohe Gipsrelief. Der Künstler Manfred Kandt aus Ückeritz schuf das beeindruckende Relief auf blauem Grund, welches mit Blattgold unterlegt ist. Ulrich Stabe als einer der Stabe-Söhne ergänzte, dass der Künstler trotz eines Glasauges in seinem Schaffen unermüdlich war. Thoralf Breuer berichtete, dass den beiden Nordhäusern Künstlern Lothar Rechtacek und Klaus-Dieter Kerwitz die gelungene Restaurierung zu verdanken ist und wie schwierig zum Teil die Beschaffung von detailgetreuen Einzelelementen u. a. für das Treppengeländer war.

Daran anschließend blickten wir im heutigen Fitnesssaal im zweiten Obergeschoss durch die geschosshohe Metall-Glas-Fassade fast vom Kyffhäuser bis zur Eichsfelder Pforte. Vielen war der Saal noch von den zahlreichen Tanzveranstaltungen (oft bis spät in die Nacht) bekannt. Wie mühsam dafür jedoch vorab die Beschaffung von geeigneten Leuchten war – davon berichteten R. Klose und H. G. Schmidt. Oft war die Kreativität der Entwerfer gefragt, um dem Engpass an Baumaterialien und den geringen Auswahlmöglichkeiten entgegenzuwirken.

Abschließend wurden am Lesserplatz unterhalb der Stadtterrasse das Blumenmädchen und die bauzeitlich erhaltene Fassade hinter dem inzwischen hoch gewachsenen Grün gewürdigt. Der zweigeschossige Natursteinsockel nimmt die angrenzende Stadtmauer gestalterisch auf. Darüber scheint das leicht auskragende, verglaste zweite Obergeschoss fast zu schweben.

Beim „Bummel“ entlang der westlichen Rautenstraße bis zum Rathausplatz wurden vielfältige Erinnerungen zwischen den Teilnehmern ausgetauscht. Seien es die nicht-essbaren Äpfeln aus dem Kunstgewerbehandel „A. Dürer“, die Bückware aus dem „Schafstall“ oder die Wollknäuel aus dem Haushaltswarenladen.

Am Rathausplatz angekommen, erinnerte Heinz G. Schmidt auch an die Zusammenarbeit von F. Stabe, A. Weißbarth (späterer Stadtarchitekt) und L. Goutier im Planungsstab(e), auch bei dessen Wiederaufbau nach den Luftangriffen 1945 mit dem neuen Verbindungsgang zum Stadthaus bis 1952. Das Entwurfsbüro für Hochbau Nordhausen ist noch heute für seine Leistungen bekannt. Thomas Kopf als Stadtführer ergänzte zu dem einst vorhandenen Stadtbild mit Marktkirche, Riesenhaus, Neptunbrunnen am Kornmarkt und der räumlichen Enge in der Rautenstraße. Er verwies auch auf die zeitgleich laufende Ausstellung in der Flohburg „Nordhausen – Vor der Zerstörung und heute“ (zu sehen noch bis zum 3. September 2017).

Nordhausen war mit einer zu 82 % zerstörten Innenstadt und 8.000 Toten die am stärksten vom Krieg betroffene Thüringer Stadt. Sie verlor ihren mittelalterlichen Kern nahezu gänzlich. Nach der Beräumung der Trümmer sollte sich das Bild der Rautenstraße vollständig verändern – breiter und geradliniger. Nordhausen galt anfangs landesweit aufgrund des Zerstörungsgrades als Modellstadt für den Wiederaufbau. Anfang der 1950er-Jahre wurde hierfür ein Wettbewerb durchgeführt. Wettbewerbskriterien waren die architektonische Haltung, die Funktion der Wohnungen und Läden, die Einbeziehung der Silhouette des Petersberges in das räumliche Erlebnis, die Wegeführung beim Einkaufen, die Einmündung der Rautenstraße in den Grüngürtel, die Probleme der Denkmalpflege und die Farbkomposition.

„Nie wird der moderne Städtebau daher zurückkehren etwa zu der früher so beliebten Verschachtelung der Häuser und Wohnviertel mit ihrem ungesunden und stickigen Halbdunkel; nein, wir holen uns die Natur in die Stadt, lockern das Stadtbild durch Grünflächen auf und werden als Städtebauer alles tun, dass auch in unseren Städten Licht, Luft und Sonne keine unbekannten, höchstens einmal am Wochenende oder im Urlaub genossene Dinge sind!“
(Quelle: Der Nordhäuser Roland 11/1957, Die architektonische Gestaltung der Rautenstraße in Nordhausen, K. Kohlmann)

Die Umsetzung der besten Wettbewerbsideen begann mit der Wiederbebauung der Westseite mit 90 Wohnungen und 13 Läden, die ab Mitte der 1950er-Jahre bis ins Jahr 1962 mit den Architekten und Ingenieuren um F. Stabe erfolgte. Von den herausfordernden Aufgaben bis hin zur Einrichtung der Läden berichtete H. G. Schmidt. Für die gesamte Haustechnik war damals R. Klose verantwortlich.

Weitere erste Neubebauungen nach den genannten städtebaulichen Ansätzen erfolgten auch im Bereich Weberstraße, R.-Breitscheid-Straße sowie in den neu zu schaffenden Quartieren der Hohekreuzstraße als meist dreigeschossige zeilenartige Bebauungen.

„Nordhausen sollte noch mehrere Jahre auf seine leere Mitte blicken. Im Jahr 1956 bemängelt der Nordhäuser Architekt Friedrich Stabe …, dass erst jetzt die Stadtkernprojektierung ernsthaft begonnen würde, doch leider immer noch in Teilbebauungsabschnitten ohne die große zusammenhängende Gesamtaufgabenstellung. … Seine Kritik an der Entscheidungsunschärfe fiel deutlich aus.“
(Quelle 1: Ulrich Wieler, Bauen aus der Not Architektur und Städtebau in Thüringen 1945-1949, 2011 Böhlau Verlag Köln Weimar Wien)

Im Ergebnis der letzten 70 Jahre haben sich Stadtbild und Stadtgrundriss erheblich gewandelt. Die Ablesbarkeit von Stadtgeschichte macht die Stadt lebendig und interessant. Dabei stellt sich die Frage nach dem städtebaulichen Leitbild jeder Generation aufs Neue.

Der Stadtspaziergang war sehr lebendig und verdeutlichte, dass die Erinnerungen an die Zeit des Wiederaufbaus sehr vielfältig vorhanden sind. Allen Mitwirkenden, vor allem den Zeitzeugen sei an dieser Stelle herzlich gedankt!

Der Spaziergang wird am 18. August ab 16:30 Uhr am Kino fortgesetzt und führt über die Töpferstraße und das Theater bis zum Lutherplatz /Engelsburg. Gern können Sie daran teilnehmen.

Die Vertreter der Kammergruppe „Kyffhäuser Südharz“ laden gemeinsam mit der Familie Stabe, dem Förderverein und der Jugendkunstschule Kinder und Junggebliebene am 26. August in der Zeit von 10 bis 12 Uhr auf die Leseterrasse vor der Bibliothek ein. Zum Ausstellungsabschluss kann mit Stabes selbstkreiertem Spielzeug und Quartettkarten gespielt, Bildgeschichten ausgemalt, Spielzeug aus einfachen Mitteln gebastelt und auch das für das eigene Zimmer Ideen entwickelt werden. Selbst für vorhandene Fassaden sind Vorschläge für Farbgestaltungen möglich. Weitere Informationen hierzu werden rechtzeitig bekanntgegeben. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Bei Interesse melden Sie sich gern bei Pia Wienrich (Tel.: 03631 608624 | Email: wienrich@arko-bauplanung.de) oder Kathrin Rembe (Tel.: 03631 462376 | Email: rembe@rj-architekt.de) für die Veranstaltung an oder kommen einfach zum Treffpunkt.

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